Der Schlussbericht

Mit dem Stück «Deadname» ist die Theatergruppe AUJA! der Neuen Kantonsschule Aarau ein Wagnis eingegangen, das allen Beteiligten alles abgefordert hat. Die thematisch brisante Textvorlage, das räumlich komplizierte Setting, dazu über 40 Schauspielerinnen und Musiker, all diese Voraussetzungen stellten das AUJA!-Team vor ganz besondere Herausforderungen. Umso grösser war die Genugtuung nach einer erfolgreichen Premiere und sechs weiteren sehr gut besuchten Vorstellungen.  Begeisterte Stimmen aus dem Publikum, Pausengespräche, die über den üblichen Smalltalk hinausgingen, Emotionen, die lange Zeit nachhallten, auch Betroffenheit, Ratlosigkeit, Euphorie, Schmerz – die ganze Palette, die eine gelungene Jugendtheaterinszenierung zu einem Gesamtkunstwerk wachsen lassen, war fühl- und erlebbar.

Zugrunde liegt dem Stück der Text des ehemaligen Kantischülers Charly Ruff. Der Regisseur Beat Knaus hat ihn erweitert und auf die spezielle Raumsituation mit den fünf verschiedenen Spielorten adaptiert. Die Geschichte ist autobiographisch inspiriert und handelt von einem genderqueeren jungen Erwachsenen, im Stück Toni genannt. Der 18-Jährige schmeisst die Party seines Lebens, die mit dem Fall in den kalten Pool ein jähes Ende findet. Einige Tage danach werden die Beteiligten an jenen Ort vorgeladen, wo das Drama seinen Anfang nahm: Tonis Schule. Hier, in getrennten Räumen, sollen sie Rechenschaft ablegen über die Chronik der Ereignisse. Dabei stellen sie das fatale Geschehen ganz unterschiedlich dar: War es eine harmlose Party oder eine gezielte Provokation? Fahrlässigkeit der Eltern oder ein unglücklicher Unfall? Ein Eifersuchtsdrama oder ein Unfall? Die Inszenierung bespielt verschiedene Innen- und Aussenräume des Campus der Neuen Kantonsschule Aarau, dem idealen Schauplatz für das Abbilden der Geschehnisse, nahm das fiktive Drama von «Deadname» seinen Anfang doch ebenfalls an einem Gymnasium. Wie die Figuren im Stück werden die Zuschauerinnen und Zuschauer dabei getrennt, um zeitgleich an verschiedenen Orten den Einvernahmen beizuwohnen. Umrahmt werden die synchronen Verhöre durch eine gross angelegte Einführungs- und Schlussszene, in denen alle Beteiligten auftreten. So fügten sich die Szenen zu einem dramatischen Gesamtkunstwerk zusammen, das Schulgelände der NKSA wurde zu einem Kaleidoskop, in dem sich die Wirklichkeit brach.

Dank der substanziellen finanziellen Unterstützung des Swisslos Fonds waren wir in der Lage, alle Register zu ziehen, die zu einer professionellen und erfolgreichen Durchführung der  AUJA!-Theatersaison 2019/20 führen würde. Neben den Bühnendarsteller*innen trug eine grosse Anzahl Helfer und Helferinnen auf Nebenschauplätzen zum Gelingen des zweiwöchigen Theaterspektakels bei.

Nach der Derniere am Samstag, 22. Februar waren alle erschöpft, aber glücklich und stolz, an ihre Grenzen und manchmal noch etwas darüber hinaus gegangen zu sein: Ihr intensives Spiel hatte beim Publikum etwas ausgelöst. Und sie waren sich im Klaren, was der auf der Programmkarte zu lesende Schlüsselsatz bedeutet: «Und nichts ist, wie es einmal war». Dass dieser Satz im Laufe der darauffolgenden Wochen noch ganz andere, globale Dimensionen annehmen würde, kann als Ironie des Schicksals angesehen werden.

(Schlussbericht von Irene Näf)

Das Stück

Toni (19) schmeisst die Party seines Lebens – und am Ende treibt ein Körper im eisigen Pool. Drei Tage später werden die Beteiligten an jenen Ort vorgeladen, wo das Drama seinen Anfang nahm: Tonis Schule. Hier, in getrennten Räumen, sollen sie Rechenschaft ablegen über die Chronik der Ereignisse. Dabei stellen sie das fatale Geschehen ganz verschieden dar: War es eine harmlose Party oder eine gezielte Provokation? Ein Eifersuchtsdrama oder ein Unfall?
Die Theatergruppe AUJA! zeigt in ihrem neuen Stück die autobiografisch inspirierte Geschichte einer Person, die sich herkömmlicher Kategorisierungen entzieht. Der Campus der NKSA wird zu einem Schauplatz der Wahrheitssuche, einem Kaleidoskop, in dem sich die Wirklichkeit bricht. Dabei wird alles in Frage gestellt, was gewiss scheint: Wahrheit, Schuld, Geschlecht. »Und plötzlich isch alles ganz andersch gsii.«

 

Ensemble

Text Charly Ruff

Spiel
Amelie Huggenberger | Annina Deubelbeiss | Charly Ruff | Eline Gehri | Elisée Kukulu | Ellen van der Zaag | Emma Würtenberg | Hannah Erni | Janelle Schulthess | Jessica Barthel | Julia Tremp | Ladina Bayer | Lara Schreiber | Lena Ciccone | Lena Schönenberger | Lena Franke | Lena Gerressen | Linne Finazzi | Lioba Sahli | Liselotte Fink | Marc Hermann | Mark Porbasas | Michelle Mauch | Muriel Wernli | Nathalie Märki | Noel Müller | Nubia Stäuble | Pascal Aeschlimann | Roman Iliescu Gallego | Samara Boxler | Sandra Neuber-Koch | Sara Cvijanovic | Sarah Leder | Sophie Rindlisbacher | Susanne Steiner | Tim Ruthardt | Xenja Schwabe

Gesang
Anna Weigl | Anouk Fallegger | Caleb Kohler | Chiara Graetz | Iris Warthmann | Jana Lüscher Katharina von Felten | Lia Schürpf | Mario Keller | Nicole Witschi | Ramya Sivanantharaja | Tim Ruthardt

Band
Luca Gloor, Gitarre | Leo Stampfli, Drums | Simon Jenzer, Piano

Musik
Ruedi Debrunner | Pius Schürmann
Bühnenbild
Linda Rothenbühler
Kostüme
Senta Amacker
Choreografie
Mark Porbasas
Technik
Thomas Meyenberg
Grafik
Claudio Näf
Trailer Gianluca Imbiscuso
Produktion Irene Näf
Regie Beat Knaus

 

Flyer

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Barrierefreiheit

Wir weisen darauf hin, dass das Publikum im Rahmen der Aufführung durch das Schulhaus geführt wird. Wir gestalten alles so barrierefrei wie möglich.

Inhaltshinweise

Alkohol und Drogen: In diesem Stück wird Alkohol- und Drogenkonsum (zum Teil ausführlich) thematisiert, gewisse Suchtverhalten werden grafisch dargestellt und es wird gezeigt was für einen Einfluss die Einnahme dieser Substanzen auf das Handeln und Denken der Personen hat, hauptsächlich im Kontext einer Party. Es wird angedeutet, dass die Hauptfigur Toni in der Vergangenheit ein Alkoholproblem hatte.

Misogynie/Frauenfeindlichkeit: Die Figur Stephanie wird als jemand dargestellt, der oft wechselnde Partner*innen hat, sich freizügig anzieht und oft ausgeht. Während des Stücks befürchtet sie schwanger zu sein und will ihren Liebhaber Sämi zur Verantwortung ziehen. Er ignoriert sie und lässt sie sitzen. Aus Angst vor der Verurteilung von anderen beschliesst sie, dass sie alleine klarkommen muss mit der Situation. Die Figur Michi äussert sich sexistisch gegenüber Frauen, sein Umfeld reagiert irritiert auf sein Verhalten, sie sprechen ihn aber, aus Angst vor ihm, nicht darauf an.

Homofeindlichkeit: In diesem Stück werden homophobe Beleidigungen ausgesprochen und gewisse Figuren äußern ihre homophoben Haltungen. Mehrheitlich werden diese als falsch und inakzeptabel dargestellt.

Transfeindlichkeit: Die Hauptfigur Tony ist ein genderqueerer Teenager, welcher sich männlich präsentiert. Im Verlaufe des Stücks wird er beschimpft, beleidigt, Figuren verwenden unabsichtlich und absichtlich die falschen Pronomen für ihn, sein Deadname wird gegen ihn verwendet, seine Identität wird von einigen Figuren angezweifelt und invalidiert. Tony schildert einen sexuellen Missbrauch, welcher laut dem Täter Michi beweisen soll, dass Tonys Genderidentität eingebildet sei. Das Erlebte hat Tony traumatisiert, aber er hat Leute in seinem Umfeld, die ihn unterstützen. Im Verlaufe des Stücks öffnet er sich und erzählt davon. Seine Perspektive wird am stärksten gewichtet und er wird als starker Überlebender und nicht als schwaches, hilfloses Opfer inszeniert.

Sexueller Missbrauch: Die Hauptfigur Tony erzählt detailliert von seinem sexuellen Missbrauch und davon, wie ihn das traumatisiert hat. Auch sein Täter erzählt von diesem Ereignis aus seiner Sicht, aber nicht um Tonys Perspektive zu entkräften, sondern um zu unterstreichen, wie sich Täter in ihrem Kopf ihre Handlungen als rational und gerechtfertigt erklären. Seine beste Freundin Sophie erzählt davon wie dreckig es Tony nach seinem Missbrauch ging und wie sie sich um ihn kümmerte. Tony wird trotz allem als starker Überlebender und nicht als schwaches Opfer dargestellt.

Suizid und suizidales Verhalten: Das fahrlässige Verhalten der Hauptfigur Tony führt zu einem Zusammenbruch, welcher von seinem Umfeld als Suizidversuch missverstanden wird. Das Missverständnis wird aufgeklärt und er ist am Ende des Stücks in psychologischer Behandlung.

Kontext und Hintergrund: Dieses Stück basiert auf biographischen und autobiographischen Inhalten. Viele der dargestellten Handlungen sind dem Autor oder Freund*innen von ihm so oder in leicht abgeänderter Form passiert. Das Ziel ist es, diese Erfahrungen durch das Theaterstück in etwas transformieren zu können, was das Schweigen bricht, Leute aufklärt und eine Diskussion ermöglich. Ausserdem sollen alle, denen Ähnliches passiert ist, das Gefühl bekommen, dass sie gesehen und verstanden werden und dass sie nicht alleine sind.